AGV-Seminar in Rom

von Hermann-Josef Grossimlinghaus (UV)

Traditionell lädt die Arbeitsgemeinschaft katholischer Studentenverbände (AGV) die Vororte von CV, KV, UV und RKDB alle zwei Jahre nach Rom ein. Ziel der Veranstaltung: die Studenten mit den weltkirchlichen Strukturen bekannt zu machen und mit Verantwortlichen aus der Kurie, den Orden, der deutschen Botschaft beim Heiligen Stuhl und Medienvertretern ins Gespräch zu bringen. Umgekehrt sollen die Gesprächspartner auch die katholischen Studentenverbände kennenlernen. Vom 12. bis 16. März 2012 waren wieder 18 Studenten in die „Ewige Stadt“ gekommen. Höhepunkt der fünf Tage in Rom war die Generalaudienz am 14. März mit Papst Benedikt XVI. bei strahlendem Sonnenschein auf dem Petersplatz. Hier konnten die Studenten zusammen mit über 10.000 Pilgern aus allen fünf Kontinenten Weltkirche live erleben. Der AGV-Vorsitzende und die Vorortspräsidenten hatten nach der Audienz sogar die Gelegenheit zu einer kurzen persönlichen Begegnung mit dem Heiligen Vater.

Eines wurde schon gleich beim ersten Gespräch im Kloster San Anselmo, dem Sitz des Abtprimas der Benediktiner auf dem Aventin deutlich: Die Probleme, die in den westlichen Ortskirchen zurzeit diskutiert werden, haben in anderen Teilen der Welt keinen oder nur einen geringen Stellenwert. „In Afrika käme niemand auf die Idee, die Priesterweihe für Frauen zu fordern“, stellte Abtprimas Notker Wolf (KV) im Gespräch mit den Studenten aus Deutschland fest. Die Deutschen sollten sich nicht so wichtig nehmen. Rom müsse die gesamte Weltkirche im Blick behalten und die werde allmählich „enteuropäisiert“, so der Obere von rund 8.000 Benediktinern und 16.000 Benediktinerinnen. Dies zeige sich einmal in den statistischen Daten, wonach die Katholikenzahl in Südamerika, Afrika und Asien wachse, während sie in den westlichen Ländern Europas fast stagniere. Auch die Priesterzahlen seien auf allen Kontinenten leicht steigend, nur in Europa sei ein rückläufiger Trend zu beobachten. Diese Entwicklung werde auch in der zunehmenden Internationalisierung der römischen Kurie deutlich, informierte Notker Wolf.

Um Impulse für eine Revitalisierung des christlichen Glaubens in den westlichen Ländern zu geben, habe Papst Benedikt 2010 den Päpstlichen Rat zur Förderung der Neuevangelisierung eingerichtet, berichtete der Abtprimas. Im Blick sind vor allem die Regionen, in denen der christliche Glaube schon sehr lange beheimatet ist, aber durch die fortschreitende Säkularisierung an Bedeutung verloren hat.

Nach Meinung von Notker Wolf ist die katholische Kirche zu klerikal. Und: „Sie sollte politischer werden“, fordert der für ein offenes Wort bekannte Abtprimas. Dies sei in erster Linie aber die Aufgabe der Laien. In einem solchen Engagement sieht Wolf auch die besondere Verantwortung der katholischen Studenten- und Akademikerverbände. „In Deutschland stehen an erster Stelle immer Strukturen und Statuten, die alles Spontane erdrücken“, kritisierte der streitbare Mönch. Die Kirche müsse wieder attraktiver werden. „Die Gläubigen müssen erkennen, was in der Eucharistie geschieht“, so der Rat von Abtprimas Notker Wolf.

Verbände dürfen sich nicht in Strukturdebatten verlieren

Für die katholischen Studentenverbände sieht er durchaus eine Zukunft – allerdings nur, wenn auch sie sich nicht in Strukturdebatten verlieren, sondern sich konkret in Projekten gesellschaftspolitisch und kirchlich engagieren. Das Potential sei vorhanden, es müsse lediglich mobilisiert werden, sagte Notker Wolf. Nur so könnten die Verbände für junge Menschen attraktiver werden.

Im Blick auf das Engagement der Studentenverbände bewertet auch der Sekretär des Päpstlichen Rates für die Laien, Bischof Dr. Josef Clemens (CV), die berufliche Tätigkeit der Akademiker als Bewährungsfeld eines Christen. Hier gelte es, das Gebot der Gottes- und der Nächstenliebe umzusetzen. „Ein guter Christ ist der, der seinen Glauben im Alltag lebt“, gab der aus dem Erzbistum Paderborn stammende Kurienbischof den Studenten mit auf den Weg.

Pfarrversammlungen statt Pfarrgemeinderäte

Auf die Rechte der Laien in den Pfarrgemeinden angesprochen, schlug der langjährige Sekretär von Kardinal Ratzinger statt der Pfarrgemeinderäte die Einberufung von Pfarrversammlungen vor, an denen alle Gemeindemitglieder teilnehmen können. Bischof Clemens verspricht sich hier größeres Interesse und eine bessere Motivation.

Eine wichtige Kommunikations- und Informationsquelle für den im Palazzo San Calisto im römischen Stadtteil Trastevere ansässigen Rat sind die in etwa fünfjährigem Abstand stattfindenden Ad-LiminaBesuche der Bischöfe aus aller Welt, bei denen diese dem Papst und den einzelnen vatikanischen Behörden über die Entwicklungen im Bereich ihrer Bischofskonferenzen berichten und sich über ihre Probleme austauschen. „So treffen wir innerhalb von fünf Jahren fast den gesamten Weltepiskopat“, stellte Clemens fest.

Der Päpstliche Laienrat ist zuständig für rund 150 internationale katholische Verbände und Bewegungen mit über 100 Millionen Mitgliedern – so auch für das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und die ihm angehörenden Verbände und Organisationen. Seine Aufgabe besteht vor allem in der Förderung und Koordinierung des Laienapostolats.

Ein zentrales Arbeitsfeld ist die Organisation und Begleitung der Weltjugendtage. Auf dem Tisch vor Bischof Clemens steht eine kleine Nachbildung der Christusstatue auf dem Corcovado hoch über Rio de Janeiro, dem Austragungsort des nächsten Weltjugendtreffens 2013. Noch ist die Auswertung der Erfahrungen beim Weltjugendtag 2011 in Madrid nicht abgeschlossen, da laufen die Vorbereitungen für das nächste Treffen Jugendlicher aus der ganzen Welt schon auf Hochtouren.

Das Jugendzentrum San Lorenzo in Piscibus bietet einen Raum für Gebet und Begegnung

Die Weltjugendtage waren auch ein Thema beim Besuch des Internationalen Jugendzentrums San Lorenzo in Piscibus und dem Gespräch mit Paul Josef Kardinal Cordes (CV), bis Oktober 2010 Präsident des Päpstlichen Rates „Cor Unum“ und zuvor bis 1995 – wie heute Bischof Clemens – Sekretär des Päpstlichen Laienrates, auf dessen Initiative die Errichtung der Jugendbegegnungsstätte in den frühen 1980er Jahren zurückgeht. Der ebenfalls aus dem Erzbistum Paderborn kommende Cordes erzählt, dass nach dem ersten Weltjugendtag 1983 mit dem „Centro San Lorenzo“ die Idee des Papstes verwirklicht wurde, in der Nähe des Petersdoms einen Raum zu schaffen, der den Jugendlichen für Gebet und Begegnung zur Verfügung stehen soll. Das Zentrum besteht aus der Kirche San Lorenzo in Piscibus und aus einigen Räumen für Begegnungen und andere Aktivitäten.

In der im romanischen Stil restaurierten Kirche – übrigens die Titelkirche von Kardinal Cordes – wird auch das Weltjugendtags-Kreuz von 1983 aufbewahrt, das schon mehrmals auf „Weltreise“ gegangen ist und so symbolisch die Verbundenheit zwischen Jugendlichen der ganzen Welt darstellt. Regelmäßig treffen sich dort abends Gebetsgruppen, auch andere Aktivitäten verschiedenster Art finden statt. Das Centro selbst wird seit einigen Jahren von der Gemeinschaft Emmanuel geleitet – unterstützt von Volontä- ren aus mehreren Ländern. So bietet es einen Ort, an dem Rompilger zusammenkommen und für die Zeit ihres Aufenthalts in der „Ewigen Stadt“ ein geistliches Zuhause finden.

An diesem Abend feiern die Seminarteilnehmer gemeinsam mit Kardinal Cordes, Mitgliedern der Gemeinschaft Emmanuel und Jugendlichen verschiedener Nationalitäten einen Gottesdienst zum Jahrestag der Gründung des Centro im März 1983. Anschließend bleiben noch alle zusammen und bei einem kleinen Imbiss erzählt der Kardinal über die Entstehung und die Bedeutung des Zentrums.

Gemeinschaft von Sant’Egidio –ein Beispiel für gelebtes Christentum

Ganz bewusst den christlichen Glauben im Alltag zu leben – wie es Bischof Clemens gefordert hatte – hat sich auch die Comunitá di Sant’Egidio zum Ziel gesetzt. 1968 taten sich einige Schüler zusammen und begannen, das Evangelium aus dem Blickwinkel der Urgemeinde in der Apostelgeschichte und des heiligen Franziskus zu lesen und umzusetzen. Für die Laienbewegung, die ihr Zentrum in Trastevere hat, ist das Gebet das Fundament, auf welches das Leben ihrer heute über 50.000 Mitglieder in rund 70 Ländern ausgerichtet ist. Die „Weitergabe des Evangeliums“ und die „Freundschaft mit den Armen“ sind weitere grundlegende Elemente. An jedem Abend versammeln sich die Mitglieder in der Basilika Santa Maria in Trastevere, eine der schönsten Kirchen Roms, zum Gebet, zu dem auch die Teilnehmer des Rom-Seminars eingeladen sind. Prof. Andrea Riccardi, der Gründer der Gemeinschaft und kürzlich als Minister für Internationale Zusammenarbeit und Integration in die italienische Regierung berufen, legt an diesem Abend das Evangelium aus.

Gebet kann innere Einstellung verändern

Zuvor hatten wir die Gelegenheit, mit Cecilia Pani, eine der Verantwortlichen der Laienorganisation, über die Arbeit der Gemeinschaft zu sprechen. „Das Gebet kann bewirken, dass sich die innere Einstellung verändert. Im Gebet wächst der innere Mensch. Das Gebet ist ein Weg des Kraftschöpfens und eine Form der Inspiration“, begründet die junge Italienerin noch einmal die besondere Bedeutung des Gebets.

Mit ihrer Vermittlungstätigkeit in Krisenregionen, mit großen Friedenstreffen – etwa in Assisi oder zuletzt auch Ende 2011 in München – mit namhaft besetzten Podien und viel beachteten Erklärungen sowie mit ihrer interreligiösen Verständigungsarbeit sorgt die Comunitá regelmäßig für Schlagzeilen. „Wir haben nach und nach verstanden, dass in unserer Welt Konflikte und Armut immer enger miteinander verbunden sind. Der Krieg ist der „Vater aller Armut“. Er zerstört den humanitären Einsatz für die Zukunft ganzer Völker. Im Bürgerkrieg erkennen sich die Mitglieder eines Volkes nicht mehr als Brüder an“, erläuterte Cecilia Pani den Einsatz für Frieden und Versöhnung. Der bisher größte Erfolg: Die Vermittlung beim Zustandekommen eines Friedensvertrags (1992) nach dem Bürgerkrieg im afrikanischen Land Mosambik. Das brachte der Gemeinschaft mehrere Nominierungen für den Friedensnobelpreis ein.

Persönliche Beziehungen zu den Armen aufbauen

Doch auch im Kleinen wirkt sie, etwa mit ihrer Arbeit für Obdachlose, Migranten und Flüchtlinge. „Dabei ist es uns wichtig, dass wir zu den an den Rand der Gesellschaft gedrängten Menschen eine persönliche Beziehung aufbauen und ihnen Würde geben“, sagt Cecilia Pani. Das könne man nicht an Institutionen delegieren, sondern sei die Aufgabe jedes einzelnen. „Deshalb ermutigt Sant’ Egidio jeden, nach den eigenen Möglichkeiten ein persönliches Engagement zu übernehmen: beispielsweise einen alten Menschen im Heim zu begleiten, den sonst niemand mehr besucht, oder Pate für ein Kind zu sein, das in einer schwierigen Situation steckt“, so die junge Frau weiter. Sicher auch eine gute Anregung für die Mitglieder der katholischen Studentenverbände.

Ein gelungenes Projekt der Gemeinschaft konnten die Seminarteilnehmer dann anschließend beim Abendessen in der „Trattoria degli Amici“ kennen lernen. Hier werden seit Jahren erfolgreich Behinderte in die Arbeitswelt integriert. Das Restaurant wird von behinderten Menschen zusammen mit ehrenamtlichen Freunden (daher der Name) betrieben.

Das Gebet stand auch im Mittelpunkt der Katechese von Papst Benedikt XVI. bei der Generalaudienz am 14. März auf dem Petersplatz, an der die Studenten aus der AGV ebenfalls teilgenommen haben. Vor rund zehntausend Gläubigen behandelte Benedikt XVI. in seiner geistlichen Unterweisung das Gebet in der Apostelgeschichte und den Paulusbriefen. Nach den Worten des Heiligen Vaters erwähnt der Evangelist Lukas die Heilige Maria als die große Betende. „Der heilige Evangelist Lukas beschreibt in der Apostelgeschichte, wie die Jünger nach der Himmelfahrt Jesu im Gebet den verheißenen Heiligen Geist erwarten, und die Gabe des Auferstandenen, der sie dann zur Kirche machen soll. In diesem Klima betender Erwartung erwähnt Lukas, der sein Evangelium mit Maria begonnen hatte, zum letzten Mal Maria“, sagte der Papst. Maria habe am Beginn des irdischen Lebens Jesu gestanden. Mit ihr nähmen auch die ersten Schritte der Kirche ihren Anfang. Sowohl Pfingsten als auch Maria spielen eine wichtige Rolle für das Gebet der Apostel. Von Maria könne man lernen, nicht nur für sich selber und in der Not zu beten, sondern in der Gemeinschaft, einmütig, beharrlich, treu, in der Freude und im Dank, so Benedikt XVI..

Begegnung mit dem Nachfolger des Heiligen Petrus

Bei der Audienz hatten die Seminarteilnehmer hervorragende Plätze oberhalb der Stufen zum Petersdom direkt beim Podest des Heiligen Vaters, der sie auch speziell begrüßte. Der AGV-Vorsitzende und die Vorortspräsidenten wurden dem Papst nach der Audienz sogar persönlich vorgestellt und hatten Gelegenheit zu einem kurzen Gespräch – für alle Beteiligten ein unvergessliches Erlebnis. Bei strahlendem Sonnenschein konnten die Studenten Weltkirche live erleben. Menschen aus aller Welt und verschiedenen Kulturen waren auf den Petersplatz gekommen und wurden von Papst Benedikt XVI. in mehreren Sprachen begrüßt. Noch eine Randnotiz: Vor Beginn der Audienz übergaben der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch und Feuerwehrleute aus Kirchzarten dem Papst eine fünf Meter lange Holzbank, eine von fast 5.000 Exemplaren, die beim Papstgottesdienst auf dem Freiburger Flugplatz im September 2011 als Sitzgelegenheit genutzt wurden.

Botschaft beim Heiligen Stuhl hat 500jährige Tradition

Eine weitere Bank vom Papstbesuch in Freiburg fanden die Seminarteilnehmer im Garten der Residenz des Botschafters beim Heiligen Stuhl im noblen Stadtteil Parioli, wo ein Gespräch mit Botschafter Dr. Reinhard Schweppe anstand. Erzbischof Zollitsch hatte das Sitzmöbel am Vortag auch hier als Geschenk übergeben.

Obwohl selbst erst 1954 eingerichtet, kann die deutsche Vatikanbotschaft auf eine lange Tradition zurückblicken. Denn die Einrichtung ständiger diplomatischer Vertretungen beim Heiligen Stuhl geht auf den Anfang des 16. Jahrhunderts zurück. Neben dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, der bis zum Jahr 1806 einen Botschafter beim Vatikan akkreditiert hatte, ließen sich auch die bayerischen Herzöge schon seit Beginn des 17. Jahrhunderts durch „Ministerresidenten“ in Rom vertreten. Bayern unterhielt bis 1934 – also auch während der gesamten Zeit der Weimarer Republik – eigene diplomatische Beziehungen zum Heiligen Stuhl. Und auch das Botschafter Dr. Reinhard Schweppe mit den Seminarteilnehmern im Garten seiner Residenz. AGV 1 / 2012 protestantische Preußen war bis 1920 am Tiber durch einen Gesandten präsent.

Die Aufgaben der Botschaft beim Heiligen Stuhl sind – kurz gefasst: Kontaktpflege zu vatikanischen Entscheidungsträgern, die politische Berichterstattung über Positionen und Tätigkeit des Heiligen Stuhls – auch und besonders in seiner Funktion als Leitung der Weltkirche, die Pflege der kulturellen Beziehungen, die Kontaktpflege zu wichtigen Persönlichkeiten des deutschen Episkopats und die Betreuung zahlreicher offizieller Besucher aus Deutschland – wie etwa wenige Tage vor unserem Besuch Bundesfinanzminister Dr. Wolfgang Schäuble und der niedersächsische Ministerpräsident David McAlister.

Ein zentrales Thema, das auch für den Vatikan eine wichtige Rolle spielt, ist die Religionsfreiheit, deren Verletzungen und Einschränkungen Papst Benedikt XVI. immer wieder anprangert. In seiner diplomatischen Laufbahn hat der 62jährige promovierte Jurist in Sachen Menschenrechte, Migration und humanitäre Fragen in vier Kontinenten bi- und multilateral reiche Erfahrungen sammeln können, die ihm jetzt in Rom zugute kommen. Schweppe kündigte an, dass die Einrichtung deutsch-vatikanischer Menschenrechtskonsultationen geplant sei. Der Botschafter setzt auf den konstruktiven Dialog mit Ländern wie China. Er glaubt, dass die Volksrepublik in diesen Fragen mit sich reden lässt.

Obwohl der Heilige Stuhl bei den Vereinten Nationen kein Stimmrecht besitzt, sondern nur als Ständiger Beobachter vertreten ist, verfügt er nach Einschätzung von Reinhard Schweppe international über erheblichen Einfluss. „Der Vatikan hat «Soft-Power», weil es der katholischen Kirche zum Beispiel gelungen ist, auch in gemäßigt islamischen Ländern als moralische Autorität anerkannt zu werden“, belegt der Botschafter seine Einschätzung.

Auch für Europafragen sieht der Spitzendiplomat großes Interesse beim Vatikan. Allerdings werden nach seiner Auffassung die europäischen Länder hier eher noch als einzelne Staaten gesehen und weniger als Gemeinschaft wahrgenommen. „Ich möchte daher in Rom die Bedeutung der Europäischen Union stärken“, sagte der als Abteilungsleiter im Auswärtigen Amt lange Jahre für Europafragen verantwortliche Reinhard Schweppe. Die europäische Einigung sei ursprünglich ein stark christlich-katholisches „Projekt“ der überzeugten Katholiken Adenauer und De Gaulle gewesen. Dies habe sich inzwischen aber gewandelt: „Europa und insbesondere die europäische Rechtsprechung sind heute von einem laizistischen Geist durchdrungen,“ stellte Schweppe fest. Dies könnte insbesondere Probleme in Polen und manchen südeuropäischen Ländern mit sich bringen.

Aus der vatikanischen Gerüchteküche

Den Blick auf das Zentrum der Weltkirche von außen erfuhren die Seminarteilnehmer vom Korrespondenten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) für Italien und den Vatikan Dr. Jörg Bremer. Er glaubt, dass Benedikt XVI. den Apparat des Vatikan nicht im Griff habe. „Der Papst ist das deutsche Oberhaupt einer Weltkirche, die «italienisch» regiert wird“, so die Meinung des erfahrenen Journalisten, der für seine Zeitung seit drei Jahren aus Rom berichtet. Er macht diese Erkenntnis fest an der Person von Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone – ein Kirchenrechtler, aber ohne Erfahrungen im internationalen Bereich, der die Weltkirche zu sehr aus der Perspektive der italienischen Kirche sehe, die auch viel stärker mit den Medien verbunden sei als es etwa in Deutschland der Fall ist. Seit in den letzten Monaten über gezielte Indiskretionen vertrauliches Material aus dem Staatssekretariat der italienischen Presse zugespielt wurde und jüngst auch noch ein Abhörskandal hinzugekommen ist, herrscht Aufregung im sonst eher verschwiegenen Vatikan. So wurden etwa interne Informationen über ein angebliches Mordkomplott gegen den Papst und das Finanzgebaren der Vatikanbank IOR bekannt. Der Vatikan hat die Veröffentlichungen als „Vatileaks“ scharf kritisiert – in Anspielung auf die Veröffentlichung geheimer USBotschaftsdepeschen auf der Enthüllungsplattform Wikileaks. Italienische Medien haben über einen Machtkampf innerhalb der Spitze der Kurie spekuliert. Die Stoßrichtung ist offensichtlich: Kardinal Bertone. Die Suche nach „Maulwürfen“ hat begonnen.

Die Stärke Benedikts bestehe darin, das Christentum in seinem Kern authentisch und verständlich zu verkünden. Es sei aber kein Geheimnis, dass er weniger Talent für die Bereiche Verwaltung und Politik habe. Er delegiere diese Aufgaben weitgehend an seinen Kardinalstaatssekretär Bertone, unter dessen Regie jedoch „italienische Verhältnisse“ herrschten. Die Rede ist von Korruption, Vetternwirtschaft und „Kardinalsklüngel“.

Gesprächspartner aus der Kurie kritisierten bei unseren Gesprächen die Berichterstattung Bremers. Artikel, die zu einem wesentlichen Teil auf Hörensagen basierten, passten eher zur Boulevardpresse, bei einer seriösen deutschen Tageszeitung könne man aber eine sorgfältigere Recherche erwarten.

Sich ins Bewusstsein der Bischöfe bringen

Die andere Seite der Medaille repräsentiert Matthias Kopp. Als Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz hat er die Aufgabe, die Kirche möglichst gut und transparent zu „verkaufen“. Ihn trafen die Seminarteilnehmer zu einem Hintergrundgespräch in der Villa Mater Dei, dem Haus der Bischofskonferenz in Rom. Für die Studenten war es spannend zu hören, wie manche aktuellen Fragen der Kirche in Deutschland sich aus römischer Warte darstellen. Etwa: Hat der Papst mit seiner Forderung nach „Entweltlichung“ auch auf die Kirchensteuer gezielt? Die deutsche Praxis, dass die Mitgliedschaft in der Kirche an die Zahlung der Kirchensteuer gebunden ist, ist kirchenrechtlich umstritten und von Rom infrage gestellt worden. Wird der Vatikan hier einer deutschen Sonderregelung zustimmen? Und in diesem Zusammenhang: Hat die Forderung der Partei „Die Linke“, die sowohl die grundgesetzliche Verankerung der Kirchensteuer als auch deren staatlichen Einzug ablehnt, Aussicht auf Erfolg? Oder die Probleme mit dem Verkauf des Weltbild-Verlags: Hat die Kirche hier nicht auch eine besondere Fürsorgepflicht für die 6.500 Mitarbeiter? – Alles Fragen, bei denen die deutschen Bischöfe auch in Kontakt mit Rom sind. „Dann müssen wir miteinander reden“, sagte Matthias Kopp.

Weiter gab es noch die Kritik der Studenten, die deutschen Bischöfe kümmerten sich zu wenig um die katholischen Studentenverbände und würdigten ihre Arbeit nicht genügend. Der Rat von Matthias Kopp: Die Verbände müssten sich stärker durch gute Arbeit und „kontinuierliches Nerven“ in das Bewusstsein der Bischöfe bringen.

Wenngleich ein sehr dichtes Gesprächs- und Begegnungsprogramm vorgegeben war, blieb auch noch etwas Zeit, sich Rom anzusehen – auch Sehenswürdigkeiten, die der Normaltourist nicht so ohne Weiteres zu sehen bekommt, etwa ein Spaziergang durch die Vatikanischen Gärten oder eine Führung durch die Scavi, die Ausgrabungen einer alten römischen Nekropole unter dem Petersdom mit dem Grab des Apostels Petrus. Weitere Führungen machten mit dem antiken Rom und dem Petersdom bekannt, wobei der phantastische Blick von der Kuppel sicher eines der Highlights war.

Besuche bei der römischen CV-Verbindung Capitolina, die geselligen gemeinsamen Abendessen und der Bummel durch das nächtliche Rom mit der Einkehr in der einen oder anderen gemütlichen Bar trugen auch zum besseren Verständnis der Verbände untereinander bei.

Am Abschlusstag gab es noch einen Höhepunkt: die gemeinsame Messe mit Kardinal Walter Brandmüller (CV) in einer Kapelle der vatikanischen Grotten in unmittelbarer Nähe des Petrusgrabs. Dabei regte der Kardinal in seiner Predigt an, dass die Fastenzeit auch im Verbindungsleben zum Ausdruck kommen sollte, etwa indem man statt sonst vier Halbe am Abend zu trinken, sich jetzt auf zwei Gläser Bier zu beschränken.

Nach den fünf Tagen in Rom konnte der AGV-Vorsitzende Adam Strzoda eine positive Bilanz ziehen: „Wir haben als Deutsche nicht nur die Erfahrung gemacht, dass wir uns als Teil der universalen Weltkirche begreifen müssen; bei unseren Gesprächen und Begegnungen haben wir auch viele Impulse erhalten, die wir für die Arbeit in den Verbänden nutzen können.“

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QUELLE: http://www.agvnet.de/content/agv-rom-seminar-2012

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