Prinzipienrede zum Ruhrkommers

Wir stecken in der Krise. Befreien können wir uns nur selbst.

Wir stecken in der Krise. Nicht nur die EU, sondern auch unser Kartellverband. Viele Kartellangehörige, mehr als ich vor meinem Amtsantritt vor einem Jahr glaubte, zweifeln am Sinn des KV. Viele von uns wissen nicht mehr, warum sie den KV brauchen, fragen sich: „Was bringt uns der KV?“

Zum Ersten bringt der KV heute mich zu Euch. Ich hoffe, dass das nach diesem Kommers nicht das Argument für die endgültige Abschaffung des KV wird, aber was ich damit sagen will, ist: Der KV bringt Menschen gleicher oder zumindest sehr ähnlicher Überzeugungen und Prinzipien aus Studentischen Vereinen in ganz Deutschland zusammen, fördert ihren Austausch und sorgt dafür, dass sich Menschen kennenlernen und zu Freunden werden, die sich andernfalls nie getroffen hätten.

Doch der KV kann mehr, viel mehr. Dies sei an zwei Verbindungen meiner Münchner Heimat kurz illustriert. Ich kenne beide Verbindungen, bin mit einigen dortigen Korporierten befreundet und erlaube mir daher, sie zur Verdeutlichung heranzuziehen. Die eine ist die Katholische Bayerische Studentenverbindung Rhaetia, die andere die Akademische Ingenieursverbindung Brücke. Beide Verbindungen sind deutlich größer als meine Erwinia und die meisten anderen Vereine des KV, sowohl was Altherrenschaft als auch Aktivitas betrifft und in München unter Korporierten und auch Nichtkorporierten recht bekannt. Außerhalb von München jedoch sinkt der Bekanntheitsgrad dieser Verbindungen rapide, und wenn, kennt man zwar manchmal einzelne Mitglieder, aber auf welchen Prinzipien sich diese Verbindungen gründen, entzieht sich oft selbst der Kenntnis anderer Couleurstudenten.

Beim KV hingegen weiß man: Dieser Verband und seine Mitgliedsvereine stehen seit bald 150 Jahren auf und zu ihren drei Prinzipien Religion, Wissenschaft, Freundschaft. Und das egal, ob der Verein beheimatet ist in München oder Münster, Aachen oder Augsburg, Tübingen oder Trier.

Jeder von uns ist sicher schon einmal überrascht worden von jemandem ohne eigenen Verbindungshintergrund, der zumindest schon einmal vom KV gehört hatte,  so wie auch ich es wurde: Einer meiner Professoren erwiderte, als ich ihm von meiner Mitgliedschaft bei einer KV-Verein erzählte: „KV – die finde ich gut. Die vom CV trinken mir zu viel.“ In diesem Sinne: „Prost Corona“.

Der Begriff KV war einst Vielen in der Gesellschaft ein Begriff. Heute nimmt das Wissen, was sich dahinter verbirgt, stetig ab.

Dieses Wissen um unseren KV in der Gesellschaft müssen wir wieder reaktivieren. Der KV muss aktiver nach außen werden, auch im Hinblick auf und zugunsten der Nachwuchswerbung. Um das klarzustellen: Der Dachverband ist und kann nicht für die Keilarbeit zuständig sein. Dies von ihm zu verlangen, ist nicht sinnvoll und zielführend. Diese Aufgabe ohne Aufforderung an sich zu ziehen aber ebenso wenig. Was der Dachverband aber mehr als die einzelnen Kartellvereine leisten kann, ist, die Marke „KV“ im öffentlichen Bewusstsein zu halten, sie in der Mitte der Gesellschaft zu platzieren und mit Inhalt zu füllen. Gleichsam den fruchtbaren Boden bereiten, auf dem der von den Kartellvereinen gesäte Samen der Keilarbeit aufgehen und reiche Frucht in Form eines vollen Fuchsenstalls hervorbringen kann.

Doch unseren Kartellverband ins Gespräch zu bringen und ihn dort zu halten, gelingt uns nicht mehr. Also müssen wir den KV in diesem Bereich neu aufstellen. Wir müssen wirkungsvolle Instrumente und Strukturen schaffen, die es uns ermöglichen, unseren Verband und damit uns alle und unsere Vereine wirkungsvoll in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Noch wichtiger ist allerdings, die Strukturen des KV so zu verändern, dass er wieder unseren Überzeugungen entspricht, dass wir wieder mit Stolz und Wertschätzung auf unseren Verband blicken können, dass er wieder unser Verband wird. Denn solange wir selbst nicht überzeugt von unserem Dachverband sind, wie sollte er dann andere überzeugen?

Wir haben dabei im Gegensatz zur Europäischen Union und vielen anderen einen unschlagbaren Vorteil, dessen wir uns immer bewusst sein müssen: Wir alleine bestimmen die Geschicke unseres Verbandes.

Keine Rating-Agenturen oder gierige Finanzspekulanten haben uns im Griff. Wir müssen unser Fähnlein weder nach dem Wind von Stimmungsumfragen richten noch bei jedwedem Zucken der Märkte ängstlich erschaudern. Wir sind unabhängig von Derartigem. Wir haben es selbst in der Hand. Das bedeutet aber auch: Wir stehen in der Verantwortung. Wir haben die gegenwärtige Lage in unserem Verband niemandem anders zuzuschreiben als uns selbst. Und sollte dieser Reformprozess nicht gelingen, wird auch das an niemand anderem liegen als an uns selbst.

Wer nicht vom derzeitigen Konzept überzeugt ist, der soll seine Stimme erheben und lautstark Änderung verlangen. Dies ist sein Recht, ja dies ist seine Pflicht. Wer sich aber nach der Abstimmung im kommenden Mai empört, er sei  nicht gefragt worden oder habe keine Gelegenheit gehabt, sich zu äußern, der schweige lieber schnell wieder, denn er wird sich mit Derartigem nur lächerlich machen. Noch aber ist nichts beschlossen und Gelegenheit für weitere Arbeit. Denn was dieser Verband braucht, ist, mit Verlaub, kein Kompromiss, bei dem jeder seine Kröte nur deswegen schluckt, weil der andere eine noch größere hinunterzuwürgen hat, was dieser Verband braucht, ist ein Konsens im wahrsten Sinne des Wortes – wir brauchen Übereinstimmung miteinander. Denn nur durch Übereinstimmung kann die Wertschätzung und die Begeisterung unseres Verbandes wieder geweckt werden. Wenn wir die nicht besitzen, können wir uns schon am Tag nach der Verabschiedung auf neue Streitigkeiten vorbereiten, denn diese werden sich über kurz oder lang an alten oder auch neuen Punkten entzünden.

Große Reformen können zudem nicht funktionieren, ohne die Fehler der Vergangenheit zu analysieren und diese zu beheben, denn wie heißt es so treffend: „Wer nicht aus der Geschichte lernt, wird bald selbst Geschichte.“ Fehleranalyse muss jedoch nicht immer mit Schuldzuweisung einhergehen, denn nicht für jeden Fehler im System lässt sich stets ein „Schuldiger“ ausmachen. Wichtiger als die öffentliche Abkanzelung eines vielleicht auch nur vermeintlich „Verantwortlichen“, motiviert durch persönliche Abneigung oder Lust an der Zwietracht, ist meines Erachtens, dass Fehlentwicklungen erkannt und abgestellt werden. Wichtig ist im Gegenzug aber auch, dass Verantwortliche Fehler im von Ihnen nicht unbedingt erzeugten, aber auf jeden Fall verwalteten System anerkennen und beheben helfen, ohne jede Kritik an diesem System sofort auf sich als Person zu beziehen und sich einer Korrektur zu verweigern. Stimmen, die an der Notwendigkeit oder Richtigkeit einer Entscheidung zweifeln, unterstellen ja dem aktuellen Amtsinhaber nicht gleich in Gänze schlechte Arbeit. Sie können vielmehr ein Fingerzeig dahin sein, wo zwischen vom Verband gewünschter oder geforderter und dann geleisteter Arbeit, aber auch zwischen geleisteter und vom Verband wahrgenommener Arbeit eine Differenz besteht. Diese Differenzen gilt es auszugleichen. Und dies kann nur geschehen, indem man redet – und das miteinander, und nicht übereinander.

Dabei entscheidet nach meiner Überzeugung stets der Verband, was er von den Gremien und von sich selbst will. Niemals umgekehrt. Der Verband muss aber auch entscheiden, was er von den Gremien will. Sich nicht zu äußern, die Gremien mit allen Freiheiten auszustatten und im Nachhinein Beschwerde zu erheben, dies habe man auf keinen Fall gewollt, wie könne man nur auf solche Ideen kommen, kann nicht die Arbeitsweise sein, unter der in Zukunft die Gremien unseres KV weiter arbeiten können und die die Zahl der Bewerber um die Ämter im KV, die ja immer noch in der Freizeit ausgeübte Ehrenämter sind, sicher nicht größer werden lässt. Die Gremien müssen aber auch lernen, große Vorhaben frühzeitiger in den Verband zu kommunizieren. Einige Ideen unserer Amtszeit im Vorort haben gerade in Gesprächen mit unseren Kartellbrüdern erst den letzten Schliff bekommen. Unser Verband hat Sachkundige in jedem Gebiet, es wäre töricht, auf deren Expertenwissen nicht zurückzugreifen. Aber Expertenwissen kann auch freiwillig angeboten werden. Wo steht beispielsweise geschrieben, dass die gescholtene Wikipedia-Präsenz des KV vom KV-Rat oder dem KV-Sekretariat verantwortet und betreut werden muss? Natürlich kann man sich auch zurücklehnen und warten, dass man gefragt wird, aber ernst gemeinte Hilfe da anzubieten, wo sie nützlich sein kann und sie auf der anderen Seite dann auch anzunehmen, sind für mich beides zentrale Bestandteile dessen, was wir Kartellbrüderlichkeit nennen.

Nachdem ich nun Eure Kartellbrüderlichkeit mir gegenüber genügend strapaziert habe, möchte ich zum Ende dieser Predigt auf Worte eines Mannes zurückgreifen, der in der Redekunst um ein vielfaches gewandter war, als ich es je sein werde. Selbstverständlich spreche ich, wie es sich für einen Theologiestudenten nicht anders gehört,  vom griechischen Rhetor Demosthenes. Obwohl ich seine Worte unverändert wiedergebe, bin ich mir sicher, Ihr versteht, was ich Euch sagen möchte:

„Es wäre angebracht, Männer von Athen, wenn alle, die hier reden, sich weder von Feindschaft noch von Parteilichkeit in ihren Worten leiten ließen, sondern jeder das, was er für das Beste hält, vortragen würde, gerade bei der Beratung gemeinsamer und so wichtiger Fragen; da aber einige aus dem Parteienstreit heraus oder aus irgendeinem anderen Grund dazu getrieben werden, das Wort zu ergreifen, liegt es, Männer von Athen, an euch, dem Volke, ohne Rücksicht auf alles andere nur das, was eurer Meinung nach für die Stadt von Nutzen ist, zu beschließen und durchzuführen.“

Die Athener hörten damals nicht auf Demosthenes – das Ergebnis hat jeder von uns im Geschichtsunterricht kennengelernt. Liebe Kartellbrüder, lasst uns dafür sorgen, dass unser Verband, der Kartellverband katholischer deutscher Studentenvereine, nicht Geschichte wird, sondern weiter Geschichte schreibt, dass er nicht Teil der Vergangenheit wird, sondern Bestandteil der Gegenwart und der Zukunft bleibt.

Gabriel Raum VVOP (Erw!)

Ein Kommentar zu “Prinzipienrede zum Ruhrkommers

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